6. Juli 2008
Was ist eigentlich aus Köln geworden...
...musst ich mich heute auf dem Weg zur Post fragen. Die Palimpseste waren in meiner Abwesenheit eingetroffen und nun zur Abholung irgendwo deponiert. Nicht aber beim Postamt um die Ecke, wo ich sie zunächst vermutet hatte, sondern quasi als unheilige Ankündigung in der Hauptfiliale – dort wo sich das altehrwürdige Domviertel mit dem Abgesang eines einstmals öffentlichen Fernsehsenders trifft - in der Innenstadt von Köln.
‚Was ist eigentlich aus Köln geworden’ macht den Weg frei durch die Straßen und vor allem durch eine Straße die mir die Menschenscheue in letzter Zeit verboten hatte. Heute dann der einsame Gang eines Desperados mit Amon Tobin über die Einkaufsmeile für Hippster und solche die es sich leisten können. In der Ehrenstraße sah es früher anders aus.

Ich bin nicht der Mensch, der sich darüber beklagen würde, dass vormals alles besser und heute nur noch das Grottigste den Ton angibt. Aber es ist schon bemerkenswert, welche grotesken Fußspuren die Dinge hinterlassen, die sich unzweideutig ins Nichts davongemacht haben. Das Studio 59 – eine letzte Bastion auf der Eherenstraße – musste das Feld räumen. An seiner Stelle befindet sich nun ein Geschäft, das so aussieht wie ein überteuerter Strandwarenladen an einer heruntergekommenen Promenade irgendwo an der Copacabana.

Eine Wolke von Moschus verfängt sich in sämtlichen Öffnungen meines Gesichts so dass mir fast schwindlig wird und eine Quaddel, deren Solarium-Marathon in den Wintermonaten kackbraun aus einer übergroßen Sonnenbrille heraus stiert, streift meine Betrachtungen. Der legendäre Lederarsch wäre wahrscheinlich vor Fremdscham im Boden versunken. Den Kopf aus dem Wind gedreht und weiter. Was ist eigentlich aus Köln geworden. Die meisten guten Geschäfte sind verschwunden und an deren Stelle befinden sich nun die Prestigefilialen der teuren Modelabels. Sogar der Bäcker ist hier teurer als irgendwo anders. Dreißig Cent für ein Brötchen? Es muss Krieg herrschen - irgendwo. Am Zweitausendeins vorbei. Wie lange sich der Laden wohl noch halten wird? Und plötzlich legt sich ein hochkonzentrierter Film aus Bergamotte, Orange und Feilchen auf meine Zunge. Woher? Eine Titza, die gerade aus der Parfümerie herausflaniert, wo sie sich zahllose Pröbchen eingesteckt hat und die Teststreifen aus weißer Löschpappe noch dezent aus ihrer Handtasche heraushängen. Auf einer Mülltonne sitzt ein Schnorrer der vorbeifahrenden Bonzenweibern Obszönitäten nachbrüllt. Vielleicht sollte ich alles an den Nagel hängen und dem altehrwürdigen Beruf des Bettlers nachgehen. Keine Sorgen mehr mit der Keimfreiheit.

Plötzlich Titten! Unmengen von Titten hauchdünn mit haarfeine Spagettioberteilen vekleidet. Ach ja! es war Sommer und der Vigillant wird schlagartig von Obacht gepackt. Beim genauesten Hinsehen schweift der Blick auf die dazugehörigen Teenager, die sich aufgetakelt auf den Sofas der nahegelegenen Kaffelounge räkeln, wie Lustknaben auf einer Orgie in einem frühen italienischen Sandalenfilm.

Nach der dritten Einkaufshalle dann die Arkaden. Am Eingang ein Schild in den Farben der Bundesrepublik: DER OSSI LADEN. Grundgütiger. Diese Pseudonostalgie ist nicht nur die abgeschmackteste, sie ist auch ein Affront gegen den gesunden Menschenverstand. Wie geschaffen für die Einfallt der Kölner Bürger, die auch von den stumpfsinnigsten Plattitüden nie genug zu kriegen scheinen. Im schlimmsten Fall wird auch das noch im Karneval verkalauert. Dass das Buch ausstirbt, dafür sind solche Geschäfte der beste Beweis. Verblödete Fernsehstereotype aus den Untiefen des Beckmann’schen Sinns für leichte Unterhaltung. Gewicht höchstens für den Fettesten Mann der Welt oder die 100 nervigsten Ossis zum Preis für die dümmste TV Show aller zeiten. Man hat es am Ende dann immer schon gewusst haben wollen. Die Ossis sind eigentlich ganz niedlich. Vor allem der kleine grüne mit Hut, der sich wohl grade auf dem Weg befindet, in die Fabrik. Im Postamt endlich mein Päckchen. Und wieder zurück.
Vor dem Bäckerladen eine Phalanx aus geröstetem Schamhaar und Backaroma, wie man es im Supermarkt in diesen kleinen Giftfläschen bekommt. Synthetischer Rum. Synthetischer Brotgeschmack klafft mir durch die weit aufgesperrte Ladentüre entgegen. Eine zerzauste von Pest zerfressene Taube ist damit beschäftigt sich eine abgefaulte Klaue durchzupicken. Ich befördere sie mit einem kräftigen Fußtritt ins Innere des Geschäftes. Deutschland ist kein junges Land. Es ist alt und böse. Das war es schon vor den Deutschen und vor den Germanen. Das Böse wohnt dort. Wieder die römischen Teenager mit den Brüsten. Zurück durch die Stadt, die mir immer noch Rätsel aufgibt. Wie konnte es nur soweit kommen?

Vielleicht sitzt meine Nachbarin vom Haus gegenüber heute wieder in dem kleinen Café in meiner Straße, denke ich bei mir, als ich rechts abbiege. Eine Schönheit wie aus einem präraffaelitischen Gemälde. Haar aus rotem Gold und eine zarte weiße Haut, die duftet, wie der Morgen, nach einer langen Umarmung mit dem Glück. Ich komme am Café vorbei. Niemand.

Im Postkasten finde ich Post, was immer höchst verdächtig ist. Post ist immer mit Ärger verbunden. Vor allem die Postkastenpost, gegen die man sich nicht zur wehr setzten kann. Postkastenpost bedeutet immer eine Heimsuchung der übelsten Sorte. ‚Sehr geehrter Herr,
mit der Pflegereform zum 1. Juli 2008 werden die Leistungen der Pflegeversicherung verbessert. Laut Beschluss der Bundesregierung wird dies über einen Beitragsanstieg um 0,25 Prozentpunkte finanziert...Falls uns ihre Einzugsermächtigung vorliegt, brauchen sie nichts weiter zu tun.’ Wer hätte das gedacht.

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Wir sind die Urheber ...
«Köln. Es ist die einzige deutsche Stadt, in der ich Italien rieche.» Das hatte ich mal geschrieben . Sicherlich würde ich es heute wieder schreiben, wenn ich auch nicht mehr so häufig wie früher in die Stadt komme. Damit habe ich allerdings auch nie die Gegenden gemeint, die Sie hier so eindrucksvoll dräuend beschrieben haben. Aber gut nachvollziehen kann ich es, denn die Entwicklung — Beispiel Ehrenstraße, bereits am Anfang, vom Hohenzollernring aus (Zweitausendeins etc.) — beobachte ich seit Jahren mit Grausen. Doch, auch wenn es den Schmerz nicht lindert: Es ist ein Phänomen, das sich in allen Städten abzeichnet. Bald weiß man nicht mehr, in welcher europäischen Stadt man sich befindet. Es ändert nichts an der Tatsache, Sie haben es selbst geschrieben: «Wir sind die Urheber dieses Untergangs.»

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Nun ja...den Italienvergleich, habe ich schon einmal gehört. Die Frage ist, was man heute in Köln riecht. Und das waren an diesem besagten Tag hauptsächlich schwerst parfümierte aufgetakelte Frauen, die in ihren vielzugroßen Baulöwen-Pick-Pu-Ferraris in der zweiten Reihe parken und sich darüber ärgern, dass sie die fünf Meter bis zur Boutique noch zu Fuß stöckeln müssen. Frauen mit zu viel Geld von Männern mit zu viel Geld. Und dabei bin ich nicht einmal Marxist.

Als Untergang würde ich die Entwicklung eigentlich nicht betrachten. So etwas ist eher ein Seismograph dafür, dass wir uns eventuell wieder in einer Phase der Dekadenz befinden. Man denke dabei nur an die phantastischen Römergelage in Sartyricon...Schwein gefüllt mit dem Koch, der das Schwein zubereitet hat...alles Bio versteht sich.

Vielleicht wird es ja irgendwann wieder schick sich Kettensklaven zu halten, die man dann auf allen vieren vor sich herlaufen lässt, wie ein Rudel Hunde, die für ein paar Reßzwecken zum Frühstück sich selber zerfleischen. Ausgehungert sehen die auch so schön drahtig aus. Passolini lässt grüßen. Ok, ok...der Vergleich mit den Faschisten war vielleicht etwas zu anstößig...das gebe ich gerne zu...aber wenn ich mich mal in eine Tirade hineinbegeben habe neige ich gern zur Übertreibung.

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